An epic drama of adventure and exploration

Nie abgeschickte Briefe

5. Oktober 2019

Meine Aufgabe: Schreibe einen Brief an einen Menschen, dem Du Dich nicht traust zu schreiben, absenden nicht notwendig.

Na, ja, das kann ja nicht schwer sein, oder? Kaum war ich aus der Tür nach dem Gespräch, da wusste ich auch schon, wem ich schreibe. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht. Anschließend bei der Zugfahrt nach Hause habe ich sogar über Formulierungen nachgedacht. Worüber ich schreibe. Schreiben über meine Wut, über meine Verletzungen, meine Depressionen.

Aber ein Teil ist ja auch zu formulieren, was man gerne mit dem Brief erreichen möchte. Wird mir die Formulierung meiner negativen Gefühle wirklich helfen? Und ist das nicht ziemlich Revanchistisch von mir? Ich stelle mir vor wie die Dame vor mir sitzt und ich das sage, was ich schreiben möchte. Nein, das ist unfair. Natürlich kann ich meine negativen Gedanken zulassen und Vorwürfe über die letzten zwei verkorksten Jahre machen. Aber das ist unfair. Ich habe mich den Depressionen hingegeben, niemand anderes. Und sie war mit Sicherheit nicht der Auslöser. Das wird mir nicht helfen. Nachtreten? Nein, das kann ich nicht. Nicht bei einem Menschen, dessen Art ich noch heute vermisse. Und das obwohl ich mich damit abgefunden habe, das dieses Vermissen jemals gestillt wird.

Was ich erreichen möchte: Ich möchte frei von Gedanken sein, wieder bestimmte Musiken hören, wieder durch bestimmte Orte fahren können, gemeinsam geschaute Filme sehen. Frei sein.

Das kann ich nicht durch negative Gefühle. Und sollte mir jemand sagen, das sei normal und richtig, so sage ich Fuck you. In einem Lied vom Rockrumänen Peter Maffay heißt es “Doch hassen werde ich nie.”

Und wenn ich nicht über die negativen Aspekte meiner Gedankenwelt schreiben kann? Soll ich dann über die positiven Dinge schreiben? Ja, warum nicht. Ich werde den Brief nie abschicken und mir fallen so viele Dinge ein und ich muss sogar lächeln.

Glücklichsein, hängt das wirklich von einem Brief ab? Sicher nicht. Nur von der Einstellung dazu. Die Woche ist noch lang, und die Zeit wird zeigen, ob ich schreiben kann.